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Am Rande des Überlebens
Schier unaufhaltsam haben sich Städte und Agrarflächen in den Wald hineingefressen – bis von der
einzigartigen “Mata Atlântica” an der südost-brasilianischen Küste nur noch winzige Reste vorhanden
waren. Doch dank glücklicher Umstände ist das große Artensterben bislang ausgeblieben.
Das Summen seines irrwitzig schnellen Flügelschlags verrät den Kolibri. Wie ein Fahrstuhl saust der
Winzling am Stamm einer Bracatinga-Mimose hinauf und hinab. Immer wieder. Wenige Meter entfernt
treibt eine zweiter das gleiche merkwürdige Spiel. Daneben ein dritter. Eine ganze Gruppe Kolibris
ist versammelt, obwohl die kleinen Vögel längst hätten fortgezogen sein müssen. Denn schon seit
Wochen finden sie hier im Bergregenwald der Serra do Mar in Südbrasilien keine Nektar liefernden
Blüten mehr. Jetzt, im feucht-kühlen Südwinter, hüllen dicke Wolken die Landschaft in gespenstischen
Nebel. Die Sonne, die kurz durchdringt, erhellt den Grund für das Verhalten der Kolibris: Aus der
Baumrinde ragen haarfein weißliche Wachsfäden heraus, an deren Spitze sich ab und zu ein Tröpfchen
bildet. Mit Hilfe einer Messerklinge lässt sich der Urheber zutage fördern: eine Schildlaus. Sie
saugt zuckerhaltigen Pflanzensaft und leitet, was sie nicht verwerten kann, nach draußen. Dank
dieses Honigtaus können die sonst auf Nektar spezialisierten Vögel mehrere Monate in den blütenlosen
Bergregenwäldern überwintern. Die Schildläuse profitieren ihrerseits vom Hunger der Kolibris. Würden
all ihre Ausscheidungen auf die Rinde tropfen, so wüchsen dort bald Bakterien und Pilze und
überwucherten womöglich auch die Sauginsekten. Was aber, wenn die Bracatinga-Mimose ausstürbe oder
so selten würde, dass die geringe Anzahl der Schildläuse die Kolibris nicht mehr ernähren könnte?
Riss der Verlust einer Spezies unweigerlich eine Reihe weiterer, mit ihr verbundener Arten ins
Verderben?
Es grenzt an ein Wunder, dass dieses Schicksal der Mimosen-Lebensgemeinschaft bislang erspart
geblieben ist. Denn von der Mata Atlântica, dem ursprünglich gut eine Million Quadratkilometer
umfassenden Regenwald-Streifen an der Küste Südostbrasiliens, sind nur noch zwei Prozent übrig
geblieben. Alles andere wurde gerodet, in Kulturland umgewandelt oder – zu etwa zehn Prozent – durch
Eukalyptus- und Kiefernplantagen ersetzt. Wo sich einst eine dichte grüne Decke die Hänge hinauf
zog, da leben heute fast zwei Drittel der Einwohner Brasiliens; denn hier schlägt das
wirtschaftliche Herz dieses Riesenlandes.
Keine Frage, die dramatische Schrumpfung bedrängt viele Organismen des atlantischen Regenwalds,
eines der artenreichsten Gebiete Südamerikas und in seiner Biodiversität den ungleich größeren
Wäldern Amazoniens durchaus ähnlich. Die Zoologische Gesellschaft Brasiliens veröffentlicht
regelmäßig eine nationale “Rote Liste” der vom Aussterben bedrohten Tiere, die allerdings die Unzahl
schwindender Lebensformen im amazonischen Tiefland mangels genauer Kenntnisse nicht berücksichtigt.
Von den aufgeführten 225 Arten kommen allein 179 in den Resten der Mata Atlântica vor.
Tatsächlich haben hier bislang viele Spezies überlebt – lediglich 8 gelten definitiv als
ausgestorben. Das widerspricht allen Erwartungen und stellt Biologen vor ein Rätsel. Nach
Lehrbuchwissen wäre bei solch einer Verinselung mit immensen Verlusten zu rechnen. Schrumpft ein
Lebensraum um 90%, wird nach einer Faustregel, abgeleitet aus der Besiedelung von Meeresinseln, die
Hälfte der Arten ausgelöscht. Weshalb folden die Geschöpfe der Mata Atlântica nicht dieser Regel?
Weshalb sind sie so unerwartet lebenstüchtig? Eine Antwort könnte in der Geschichte dieses Waldes
liegen. Über Jahrmillionen erstreckte er sich als Saum entlang der Küste mehr oder weniger
landeinwärts – im Grunde ein riesiger Waldrand. Randbewohner aber leben meist in zwei Welten – im
Wald und im offenen Buschland zum Beispiel. Das macht härter im Nehmen, wenn die Lebensbedingungen
sich ändern. Und genau das ist während der letzten zwei bis drei Millionen Jahre immer wieder
geschehen: Kalt- und Warmzeiten wechselten sich auf der Erde ab und wirkten sich in den Tropen
vorwiegend als Trocken- und Feuchtperioden aus. Der atlantische Wald schrumpfte dabei zu vielen
kleinen Inseln, die durch Savannen und grasige Bergflanken voneinander getrennt wurden. Es blieben
jene Arten übrig, die robust auf die Veränderungen reagieren und in Mini-Populationen überleben
konnten. Die klimatisch bedingte Fragmentierung damals war der Härtetest für die menschengemachte
Waldvernichtung von heute.
Womöglich sind aber auch die Artenverluste im 20. Jahrhundert viel größer, als es scheint.
Vielleicht haben wir gar keine korrekte Vorstellung vom früheren Reichtum der Mata Atlântica. Für
den Zustand vor der Abholzung gibt es freilich einen wissenschaftlichen Zeugen: Der deutschstämmige
Biologe Fritz Müller, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Blumenau und Umgebung lebte,
war wie kein anderer mit den Tieren und Pflanzen der Region vertraut. Und seine Briefe,
zusammengefasst in einem mehr als 600 Seiten starken, weitgehend vergessenen Buch, belegen eine
schier unglaubliche Artenvielfalt aus früher Zeit. So besuchten im April 1874 Exemplare von mehr als
40 Tagfalterarten einen einzigen blühenden Vernonia-Busch in Müllers Garten. In ganz Deutschland,
die Alpen ausgenommen, leben gerade drei bis viermal mehr Tagfalterspezies. Viele jener
Vernonia-Besucher entstammten dem Waldrand, und sie wechseln auch heute bei Bedarf in Gärten und
Siedlungen. Sogar bis in Riesenstädte wie Rio de Janeiro dringen sie vor, durch dessen Straßen
mitunter fantastisch schillernde Morphofalter gaukeln.
Ähnlich verhalten sich Verwandte jener Kolibris, die den Winter dank der Schildläuse in den Bergen
überstehen. Sie ziehen ins Tiefland am Atlantik, wo sie in der kühleren Jahreszeit reichlich Blüten
finden und an eigens von Menschen aufgehängten und mit roten Plastikblumen markierten Röhrchen
Zuckerwasser tanken. Solche tropischen Siedlungsfolger gleichen den Arten, die auch bei uns in die
Städte eingewandert und dort zu erstaunlich starken Populationen herangewachsen sind. Im Gegensatz
zu ausgedehnten Monokulturen mit Kaffee, Zuckerrohr und Soja ermöglicht die Verzahnung von
Waldresten, Kulturland und Siedlungsgebieten auch in der Mata Atlântica dem Gros von Flora und Fauna
das Fortbestehen. Die hohe Habitatvielfalt zieht eine große Biodiversität nach sich. Doch es muss
ein weiterer Faktor im Spiel sein, der verhindert, dass die Populationen in den Waldfragmenten eine
sonst für das Überleben notwendige Größe unterschreiten. Das gleiche Problem stellt sich auch in
Mitteleuropa. Denn dort existieren ebenfalls nur winzige wirklich urwüchsige Flecken, und eigentlich
dürften die knapp 2% Naturschutzflächen nicht ausreichen, um die ursprüngliche Vielfalt zu erhalten.
Dennoch sind bislang keine allzu bedeutenden Verluste eingetreten. Dies liegt vor allem daran, dass
in Deutschland nur sehr wenige endemische Arten leben. So können sich Populationen immer wieder
durch Zuzügler auffrischen.
Anders die Mata Atlântica. Sie steckt voller gebietstypischer Spezies: 165 Vogelarten, darunter 16
Kolibris, existieren allein in diesen Wäldern, desgleichen 170 Froscharten. 80% der hier
vorkommenden Affenarten und -unterarten, unter ihnen Goldlöwenäffchen und große Spinnenaffen,
sogenannte Muriquis, sind endemisch. Diese “Ureinwohner” können ihre Bestände nicht aus Immigranten
auffrischen, sondern müssen sie aus eigener Kraft sichern. Dazu bedurfte und bedarf es günstiger
Lebensbedingungen. Diese finden sich tatsächlich in der Mata Atlântica – im Gegensatz zu Amazonien.
Dort mangelt es den Böden weiträumig an Nährstoffen, so dass die pflanzlichen Primärproduzenten und
in der Folge auch die Tiere je Art in verschwindend geringen Individuenzahlen vorkommen – die
meisten Vogelspezies mit ein bis zwei Brutpaaren pro Quadratkilometer. Im Küstenwald dagegen liefert
verwitterndes Gestein ausreichend Nährsubstanzen, und deshalb sind die meisten Arten weit häufiger
anzutreffen. Außerdem erzeugen die Amazonaswälder die benötigten Niederschläge großteils durch
eigene Verdunstung. Dies funktioniert nur, wenn die grüne Decke großflächig geschlossen ist. Der
Regen für die Mata zieht indes vom Südatlantik heran. Somit haben bislang wohl drei glückliche
Umstände Flora und Fauna im Küstenwald vor dem großen Sterben bewahrt: Das Meer liefert das Wasser,
das die Lebensgemeinschaft braucht; der Boden hält genug Mineralien bereit, und viele Pflanzen und
Tiere kommen als zähe Randbewohner mit den Schrumpfungen ganz gut zurecht.
Aber wie weit ist das System tatsächlich noch belastbar? Wann bricht es zusammen? Wissenschaftler
fanden heraus, dass die Vogelarten der Waldinneren derzeit am stärksten gefährdet sind. Sie werden
nur überleben, wenn ausgedehnte Flächen unter Schutz gestellt werden. Immerhin: Während die “nur”
von Indianern bewohnten Wälder Amazoniens bei vielen Brasilianern nicht besonders geschätzt werden,
wurden bei der Erhaltung der Mata Atlântica Fortschritte erzielt. Es sind ca. 200 Naturreservate mit
insgesamt etwa 48.500 Quadratkilometern ausgewiesen – eine Fläche so groß wie Niedersachsen.
Allerdings sind nur 16 der Rückzugsgebiete mit über 100 Quadratkilometern groß genug, um als
langfristig sicher zu gelten. Das Gros ist sehr klein geraten, zu klein für Tropenverhältnisse.
Vielleicht ist ja die Artenfülle in den Resten der Mata Atlântica keineswegs so gut aufgehoben, wie
es scheint. Vielleicht dauert Aussterben einfach nur länger. Manche Spezies könnten, auch arg
dezimiert, jene 150 Jahre seit Beginn der Waldvernichtung so eben gerade durchgehalten haben. Daher
operieren nicht nur brasilianische Naturschützer nach der Devise: retten, was noch zu retten ist.
Auch international kommt der Mata Atlântica eine gewisse Priorität zu.
Mein Fazit und Tipp als Regenwald-Enthusiast: Wer einen intakten Regenwald sucht und tatsächlich
erleben möchte, sollte sich nach einer Alternative zum Besuch umschauen. Die zahlreichen, viel zu
kleinen und sehr verstreut liegenden Schutzgebiete auf dem ehemals komplett bewaldeten
südost-brasilianischen Küstenstreifen haben eher den Charakter von Naherholungsgebieten. “Intakt”
und “primär” – vollkommen illusorisch und alles andere als authentisch!