Fortschritt und Naturzerstörung
Kahlschlag im Namen des Fortschritts - ein Dilemma
Leider sehe ich mich schmerzlich genötigt, die Regenwaldzerstörung zu thematisieren. Wer nicht völlig blind und gleichgültig in entsprechenden Gebieten unterwegs ist, wird unausweichlich damit konfrontiert. Es soll hier nicht zu groß aufgemacht werden, da ich mich in keiner Aktivisten-Rolle sehe und dafür weder ausreichend Energie, Macht und Zeit aufbringen kann. Ich kann aber versuchen, deren Ursachen zu ergründen, wobei letztendlich und ehrlicherweise auch meine indirekte "Mittäterschaft" erkennbar wird.
Erst seit Mitte des 20. Jahrhunderts konnten auch abgelegene Regionen mit Raupenfahrzeugen und schweren Lastwagen erschlossen und Straßen in vorher unzugängliche Gebiete gebaut werden. Arme Bauern und reiche Rinderzüchter brannten Urwald ab, um Acker- oder Weideflächen anzulegen - eine der Hauptursachen für die Waldvernichtung. Sammeln von Feuerholz und massiver Holzexport trugen ebenfalls zum Schwund bei. Seit den 1960er Jahren nahmen Ausmaß und Tempo des Kahlschlags dramatisch zu: In nur 3 Jahrzehnten, von 1960 bis 1990, ging ein Fünftel der gesamten tropischen Regenwaldfläche verloren.
Einzelne Länder wie die Elfenbeinküste büsten rund 65% ihres Waldes ein. Als der Staat zu Afrikas Hauptexporteur für Tropenholz avancierte, verzehnfachte sich die Produktion unverarbeiteter Baumstämme von 400.000 Kubikmeter im Jahr 1958 auf 4 Millionen Kubikmeter in den 1980er Jahren. Die Holzausfuhr aus dem Land kam zum Erliegen, weil kaum noch erschließbarer Wald vorhanden ist.
In Asien haben Umsiedlungsprogramme, enorme Holzeinschläge sowie Umwandlungen in Ölpalmen-, Gummi- und Nutzholzplantagen riesige Primärwaldflächen vernichtet. Beispielhaft stellte die Insel Borneo noch bis in die 1970er Jahre ein in sich geschlossenes Naturwunder mit Regenwäldern von ungeheurer Pracht und Fülle des Lebens dar. Ebenso hatte die Insel Sumatra mal den Ruf einer Urwaldinsel. Doch dann mündete der Aberglaube, sowohl die Überbevölkerung wie Wirtschaftswachstum durch Zerstörung des natürlichen Lebensraums steuern zu können, in ein beispielloses Desaster. Eine Waldverwüstung in einem Ausmaß, gegen das auch der Naturschutz keine Chance hatte.
Zudem wird traditionelles indigenes Wissen nicht mehr gebraucht und erfährt bei Außenstehenden kaum Wertschätzung, es sei denn, aus Profitgründen. Letztendlich übertragen wir unseren Fortschritts-Wahn, den ich auch mit der Gier vergleiche oder gleichsetze, in die Köpfe der Indigenen. Die Grundlage für diesen Prozess wurde bereits während der Kolonialisierung geschaffen. Es war der Anfang der Zerstörung einer über Jahrtausende funktionierenden Ausgewogenheit zwischen Mensch und Natur, wenn menschliche Gier auf eine Natur ohne Rechte trifft.
Letzteren Aspekt halte ich sowohl aus politischer als auch aus philosophisch-erkenntnistheoretischer Sicht für sehr relevant. Aus politischer Sicht verteidigen die Rechte der Natur eine biozentrische Perspektive der Beziehung zwischen Mensch und Natur. Das steht aber im Widerspruch zur anthropozentrischen Sichtweise und geht normalerweise mit dem modernen Konstitutionalismus einher. Aus erkenntnistheoretischer Sicht stützen sich paradigmatische Ansichten über Rechte der Natur auf indigenes Wissen, das im Allgemeinen nicht als legitime Quelle für rechtliches und politisches Wissen angesehen wird.
Das Lügen-Konzept der "nachhaltigen Forstwirtschaft"
Dabei handelt es sich selbstverständlich um eine fortschrittliche Erfindung der Holzindustrie, bei der vorzugeben versucht wird, dass sich Ökologie und Ökonomie vermischen lassen. Das Resultat ist ja in unseren oft komplett als Plantagen verschandelten Nutzwäldern überdeutlich ersichtlich.
Nun wird aber leider genau dieses, bei einer Holzindustrie-Lobby sehr willkommene Konzept auch auf die Regenwälder kopiert: D.h. Brauchbares darf entnommen werden und der wertlose Rest bleibt stehen. Die offizielle, höchst scheinheilige Erklärung für diesen Eingriff nennt sich “Verjüngung”, im Sinne von Platz schaffen für den Nachwuchs. Dazu bekommt alles noch einen wissenschaftlich untermauerten Nachhaltigkeits-Anstrich, um es der Öffentlichkeit als fortschrittlich zu präsentieren.
Doch viele der begehrten Baumarten brauchen bis zum Erreichen einer stattlichen Höhe mehrere 100 Jahre. Und intakte Regenwälder basieren und funktionieren bekanntlich nach dem “Etagen”-Prinzip mit unzähligen Symbiosen. Z.B. hat sich im Falle des amerikanischen Mahagoni (Swietenia macrophylla) erwartungsgemäß herausgestellt, dass mit jedem geschlagenen Baum für eine Transportschneise zwangsläufig viele weitere gefällt werden. Somit sind derartige großflächige Störungen durch “Einzel-Fällungen” für das sehr komplexe Ökosystem problematisch, weil die Auswirkungen nur schwer abzuschätzen sind. Es bleibt also unerwähnt, dass immer nur ein degradierter (“kastrierter”) Regenwald mit vernichtenden Konsequenzen für die Artenvielfalt übrig bleibt. Die Holzindustrie ist mit dieser als "nachhaltig" deklarierten Raubbau-Verschleierungstaktik sogar völlig legal in Schutzgebieten oder Nationalparks aktiv.
Mir fällt in diesem Zusammenhang immer eine wissenschaftlich gedeckte Lüge der Tabakindustrie aus den 60er Jahren ein, in der öffentlichkeitswirksam das Rauchen als gesundheitsförderlich dargestellt wurde.