Die Rettung der Regenwälder

Home / Alle Themen /

… ein kollektives Versagen!

Es existieren unzählige wirksame, wissenschaftlich untermauerte Möglichkeiten zur Regenwald-Rettung bzw. -Erhaltung: Nachhaltige Anbaumethoden, Schutzmaßnahmen vor Ort, politische Vorgaben oder persönliches Engagement können beispielsweise dazu gehören. Solche und viele weitere Konzepte sind hinlänglich bekannt. Doch woran liegt es, dass sie nicht zur Anwendung kommen oder kaum wirken und die Regenwaldflächen stattdessen immer weiter schwinden? Die Antwort dürfte ebenso wenig überraschen: Die vorherrschenden kapitalistischen System- und Machtverhältnisse dürften das Dilemma begründen.

Fatalerweise vermögen selbst engagierte Naturschützer das ökologische Desaster der Regenwaldvernichtung nicht zu bremsen. Denn Naturschutz ist auch nur Ergebnis eines langen Prozesses, der zu den gegenwärtigen menschlichen Denk- und Verhaltensweisen geführt hat. Naturwissenschaftliche, insbesondere geographische und biologische Forschung, technische Erschließung, wirtschaftsideologische Maximen, machtpolitische Interessen bedingen einander und münden in der Arroganz der Machbarkeit gegenüber der außermenschlichen Natur. Die aus diesem Prozess resultierende Verheerung der Urwälder am Ende mit Schutzbestrebungen umkehren zu wollen funktioniert bis heute nicht. So ist Naturschutz in den Tropen nichts als eine sympathische Illusion. Geboren aus dem gleichen Geist, aus dem auch die Zerstörer handeln.

Im Sinne vieler zeitgenössischer Wirtschaftsideologen ist der tropische Regenwald unproduktiv. So wurden beispielsweise in Sabah, einem Teilstaat Malaysias im Nordosten Borneos, die Regenwaldbestände vor über 30 Jahren als “Productive Commercial Forest Reserve” ausgewiesen. Folgerichtig sind in nur 25 Jahren 85% des ursprünglichen Waldes von Axt und Kettensäge heimgesucht worden. Die offiziellen Refugien, heute Nationalparks, für Flora und Fauna sind dagegen winzig - viel zu klein für manche Arten, die nur in Biotopen bestimmter Mindestgröße existieren können.

Gewinnmaximierung und der Zwang zum Wirtschaftswachstum stehen im direkten Widerspruch zur ökologischen Stabilität und Nachhaltigkeit. Sämtliche Produktionsweisen mit Profitlogik sind für die Ausbeutung der Natur verantwortlich, verstärkt durch Ungeduld und Kurzfristigkeit der Renditerechnung. Das Abholzen eines unwiederbringlichen Waldes erscheint in den Büchern als Gewinn, in der Natur als Verlust.

Die gesellschaftlich-sozialen Fragen stehen ebenfalls im untrennbaren Zusammenhang mit den ökologischen Herausforderungen. Insbesondere wird die weltweite soziale Gleichstellung nicht ohne weiteres wirtschaftliches Wachstum zu erreichen sein, zumal wenn man den Lebensstandard Mitteleuropas als Ziel humaner Existenz ansieht. Die meisten Menschen in westlichen Gesellschaften wissen – oder haben zumindest eine vage Ahnung davon –, dass ihr Lebensstil und Wohlstand auf Kosten der Umwelt und Natur geht, nicht nur die Regenwälder betreffend. Sie wissen, dass beispielsweise die Produktion eines Großteils ihrer Kleidung oder Elektronik auf Ausbeutungsverhältnissen in sog. Schwellenländern beruht und die Erderwärmung beschleunigt. Die Elektronik- oder andere Billigartikel kaufen sie trotzdem. Das ist weniger ein Vorwurf als eine Zustandsbeschreibung. Allein deshalb, weil sich kaum jemand, selbst der noch so bewusste Verbraucher, diesem Widerspruch völlig entziehen kann.

Das Problem einer wirksamen Konsumkritik liegt nicht darin, dass sie es mit mangelndem Bewusstsein zu tun hätte, falls doch, bräuchte es "nur" Aufklärung. Das Problem besteht eher darin, dass Hochkonsumkulturen auf einer Art kollektiven Akt der Verdrängung beruhen, auf der schlichten Tatsache, dass das Lustprinzip in der Regel das Realitätsprinzip aussticht. So unzweifelhaft die Erkenntnis ist, dass die Konsumsteigerung zu irreversiblen Folgeschäden führt, und so klar die Einsicht, dass insbesondere westliche Gesellschaften ihr Verbrauchsniveau signifikant senken müssten – die Konsumkritik umfasst in der Praxis dennoch eine Reihe fundamentaler Widersprüche, von denen viele sich kaum auflösen lassen. Es ist mittlerweile zwar im öffentlichen Bewusstsein angekommen, dass die Hochkonsumkulturen soziale und ökologische Verwerfungen nach sich ziehen. Aber das individuelle und kollektive Verbraucherverhalten ändert sich, wenn überhaupt nur sporadisch. Es geht hier weniger um ein Erkenntnisdefizit als um ein Handlungsdefizit. Hinzu kommen noch bloßes Desinteresse oder, vermutlich sogar noch häufiger, das Handeln wider besseren Wissens.

Engagierter Naturschutz in den Tropen war, ist und bleibt wirkungslos, leider

Angenommen, ich oder aktive Regenwaldschützer wären mit sehr großer Macht, Einflussnahme und finanziellen Mitteln ausgestattet. Es bleiben weiterhin hartnäckige Argumente und Faktoren, die einem wirksamen, nachhaltigen Schutz der Regenwälder entgegenstehen und deren Schwund vorantreiben. Sorry, es kommt von einem Desillusionierten, mir.

Geld und Macht könnten zwar Infrastruktur, Ausbildung, Überwachung oder Entschädigungen finanzieren, aber sie können nicht globale Konsumgewohnheiten, Korruption, nationale Interessenkonflikte und die unmittelbare Notwendigkeit der Existenzsicherung von Millionen von Menschen überwinden. Der Schwund der Regenwälder ist daher ein Problem, das tief in globalen und lokalen Systemen begründet liegt. Die Geschwindigkeit der Waldvernichtung und der globale Konsumdruck stehen also in direktem Zusammenhang, sind praktisch unkontrollierbar (theoretisch vielleicht). Solange die internationale Nachfrage nach billigem Soja, Rindfleisch, Holz, Palmöl und Bergbauprodukten anhält, wird der Druck auf die Waldgebiete bestehen bleiben, weil letztendlich die Zerstörung durch Konsumgewohnheiten in Industrieländern finanziert wird.

Den Prozess verstärken neuerdings noch Klimawandel-Feedbackschleifen. D.h. der Klimawandel selbst bedroht die verbliebenen Wälder. Längere Dürreperioden und erhöhte Temperaturen führen zu einem Anstieg von Waldbränden (meist absichtlich gelegt). Der Wald wird schneller zerstört, als Schutzprojekte ihn aufbauen könnten. Wissenschaftler warnen bereits vor einem möglichen "Tipping Point" (Kipppunkt), an dem der Amazonas-Regenwald zu einer trockenen Savanne kollabieren könnte, unabhängig von menschlichen Schutzbemühungen.

Die Regenwaldgebiete sind zudem riesig und schwer zugänglich. Die Überwachung und der physische Schutz gegen illegale Aktivitäten (Bergbau, Holzfäller etc.) erfordern einen logistischen Aufwand, der selbst mit unbegrenzten Mitteln extrem schwierig zu realisieren ist.

Auch nicht zu unterschätzen ist ein kultureller und menschlicher Widerstand, der den Waldschutz blockiert. Er müsste nämlich von den Menschen vor Ort getragen werden mit deren Einbeziehung. Von außen aufgezwungene Schutzstrategien, ohne die Bedürfnisse, das Wissen, die Kultur indigener Völker und lokaler Gemeinschaften zu berücksichtigen, führen zu Ablehnung und Widerstand. Es existieren ja praktisch keine wirtschaftlich tragfähigen Alternativen. Und wenn, wäre es extrem schwierig und zeitaufwendig, nachhaltige Möglichkeiten (wie Ökotourismus) in größerem Maßstab zu implementieren und gegen die sofortige Vereinnahmung der Großindustrie oder illegale Aktivitäten durchzusetzen.

In vielen waldreichen Ländern scheitern Schutzmaßnahmen zudem an der Umsetzung und Durchsetzung von Gesetzen, Korruption, Ineffektivität, Governance-Problemen und Mangel an politischem Willen. Bestechung führt dazu, dass Abholzlizenzen illegal vergeben oder Umweltschutzgesetze nicht durchgesetzt werden. Trotz internationaler Einflussnahme werden Waldschutzmaßnahmen oft als Einmischung in die inneren Angelegenheiten und die nationale Souveränität empfunden, was den politischen Widerstand noch verstärkt. Nationale Regierungen priorisieren oft die wirtschaftliche Entwicklung über den Umweltschutz. Häufige Regierungswechsel oder politische Instabilität und Krisen führen zur Schwächung von Umweltbehörden und der Umkehrung zuvor erlassener Schutzgesetze.

All dem liegen also tiefliegende sozioökonomische Faktoren zugrunde. Der Schwund der Regenwälder ist eine direkte Folge von Armut und Entwicklung in den betroffenen Regionen. Wirtschaftliche Anreize und kurzfristiger Gewinn genießen absolute Priorität. Die Abholzung wird durch hochprofitable globale Märkte für Rohstoffe angetrieben. Diese Industrien schaffen Arbeitsplätze und generieren erhebliche Einnahmen (sowohl legal als auch illegal) für lokale und nationale Regierungen. Der Schutz der Wälder müsste einen höheren oder zumindest vergleichbaren wirtschaftlichen Wert darstellen.

Viele lokale und indigene Gemeinschaften sowie Kleinbauern sind direkt auf die Nutzung von Land (Brandrodung für Anbau, Viehzucht, Holzeinschlag) zur eigenen Existenzsicherung angewiesen. Sie haben oft keine anderen wirtschaftlichen Alternativen. Hinzu kommen noch Probleme wegen fehlender Klärung von Landbesitz und Landtiteln. Unklare oder umstrittene Eigentumsverhältnisse begünstigen die illegale Landnahme (Land Grabbing) durch Agrarkonzerne oder Spekulanten, da niemand die Verantwortung für den Schutz übernehmen oder die Zerstörung effektiv verhindern kann.

Brandrodung im Nordosten von Brasilien

Abraumhalde einer offiziellen Goldmine in Französisch Guyana

Luftaufnahme einer riesigen "offiziellen" Goldmine in Surinam

Straßenbau und Holzeinschlag auf der Insel Seram, Indonesien